Abbildungen aus dem ZKM Karlsruhe, Einzelausstellung „der starke Konsument“, 2008

mit einem Text von Dr. Margit im Schlaa(ganz unten)

 

Toire-kaba Moribana, Toilettendeckel-schoner, Kleiderbügel-aufhänger, Schwammputzer, Schüssel, Äste, Beton, Kies,  90 x 65 x 63 cm, 2008

Tebukuro Moribana, Handschuh, Schuhaufhänger, Wäscheleine, Waschtrog, Äste, Beton, Kies,  80 x 60 x 50 cm,  2008

Rikoda Moribana, Blockflöte, Putzbürste, Schaufel, Topf, Äste, Beton, Kies,                       67 x 35 x 24 cm, 2007

Fukin-Kake Moribana, Handtuchhänger, Kaleidoskop, Hammer, Kiste, Äste, Beton, Kies, 79 x 36 x 27 cm, 2007

Gürtel Shoka i a..

HundeleineFächerBrileKlHikizuna Moribana, Hundeleine, Hundehaarbürste, Fächer, Korb, Äste, Beton, Kies, 43 x 68 x 32 cm, 2007

Sensu Moribana, Fächer, Pinsel, Zange, Kaffeetasse, Brett, Äste, Beton, Kies, 42 x 24 x 17 cm, 2007

Megane Freestyle, Lesebrille, Rasierer, Nagelknipser, Aschenbecher, Beton, Kies, 19 x 16 x 16 cm, 2007

IkebanaKästenKl

Soji-burashi Shoka, Putzbürsten, Eimer, Beton, Kies, Holzkasten, 58 x 50 x 37 cm, 2005

Zoka Moribana, Blume, Rückenmassage, Gummihandschuh, Fußmassage, Ton, Holzkasten, 82 x 64 x 41 cm, 2006

Toyu-ponpu Moribana, Ölpumpen, Zweig, Bürste, Behälter, Ton, Holzkasten, 77 x 75 x 40 cm, 2006

Kutsubera Moribana, Schuhlöffel, Klobürste, Staubwedel, Eisentopf, Ton, Kies, Holzkasten, 67 x 51 x 26 cm, 2005

Seidenki-hataki Moribana, Staubwedel, Klobürste, Säge, Schale, Beton, Kies, Holzkasten, 70 x 59 x 30 cm, 2005

TokonomaNische

„Tokonoma-Nieschen-Schrank“, 2m x 1,20m x 0,5m, 2011

Stephanie Senge aus ihrem „Making-Of“(Text-Auszug): 2005 entstanden in Tokyo die ersten Ike-100-Yen-Shop-Ikebana-Objekte für eine Ausstellung in Nagano. Anstatt des Kenzan (nagelartige Platte, in die man die Äste steckt und befestigt) verwende ich Ton, um die Positionen festzulegen; danach wird alles in Beton gegossen. Ikebana kann sehr brutal sein. Die Blume wird gebrochen und mit Draht durchbohrt, damit die ästhetische Lehre berücksichtigt und die Natur nach den ästhetischen Ideen der Menschen verschönert werden kann. Auch das Biegen der Äste, ohne sie abzubrechen, ist bei Ikebana sehr wichtig. Das bedeutete für mich, bei den verschiedensten Plastikmaterialien und sonstigen Werkstoffen zunächst die Materialität und deren Biegsamkeit zu testen. Das heißt, ich entwickle meinen Ikebana-Stil ständig weiter, wie sich auch die traditionellen Ikebana-Schulen ständig weiterentwickelt haben. Das Ikebana, das gerade in der Ikenobo-Ikebana-Schule nur von vorne betrachtet wird und idealerweise in einer Tokonoma-Nische steht, die ursprünglich Teil eines Teezimmers für die japanische Teezeremonie ist, habe ich in meinen Ike-100-Yen-Shop-Objekten als eigenständiges, von allen Seiten ansichtiges Objekt konzipiert und auf einen Sockel gestellt. Für einige Objekte baute ich Objektkästen oder designte später eine Tokonoma-Nische, die auch in unseren europäischen Räumen funktioniert. Ikebana-Objekte mit Ästen(seit 2008): Buddhistische Mönche sammelten nach dem Sturm die abgebrochenen Blumen und Äste auf und brachten sie ihren Göttern als Opfergabe dar. Daraus haben sich dann später die japanischen Ikebana-Schulen entwickelt. 2008 fing ich an, Äste von heruntergefallenen Bäumen zu sammeln. Die Idee, dass sich die Billigprodukte den Biegungen der Äste anpassen und von ihnen gehalten werden, gefiel mir. Bei Ikebana darf nie etwas nach unten hängen; das Streben nach oben, zur Sonne, ist wichtig. Dementsprechend müssen bei mir auch alle Dinge aus den Ästen herauswachsen.

 

Text von Dr. Margit im Schlaa:

 Ikebana-Objekte

Bei Stephanie Senges Ikebana-Objekten handelt es sich um dreidimensionale Stillleben, die aus Billigartikeln reicher Konsumgesellschaften zusammengesetzt sind. Diese findet Senge weltweit in 1-Euro-Shops und arrangiert sie mittels der traditionellen japanischen Blumen-steckkunst zu Ikebana-Gestecken. Dabei folgt sie den ästhetischen und philosophischen Regeln des Daoismus, die der Kunstform Ikebana zugrunde liegen und die sie während ihres Japan-Aufenthalts 2005 bei einer Ikebana-Meisterin erlernte. Dem Daoismus zufolge symbolisiert ein Ikebana-Blumengesteck die kosmische Ordnung, die aus der Harmonie von linearem Aufbau, Rhythmik und Farbe besteht und deren drei Linien shin (Himmel), soe (Erde) und tai (Menschheit) repräsentieren. Dementsprechend besteht das Gestaltungs-prinzip des Ikebana darin, die Blumen gemäß der kosmischen Ordnung als Verbindung von Mensch, Himmel und Erde zu arrangieren und so den Kreislauf des permanenten Wandels allen Seins darzustellen. Die Idee vom kontinuierlichen Werden und Vergehen allen Seins wird im Ikebana dadurch umgesetzt, dass Ikebana-Praktizierende Pflanzen und andere Materialien passend zur Jahreszeit auswählen, ihre Charakteristika herausstreichen, sie in dem verwendeten Gefäß zu einem harmonischen Ganzen kombinieren und in der gewünschten Position fixieren. Diese Übung im konzentrierten Sehen und sorgfältigen, kunstvollen Umgang mit der Natur schult die Wertschätzung, die Wahrnehmung und das Begreifen der Umwelt und inspirierte Senge, sie auf ihre bildhauerische Arbeit zu übertragen und das Verhältnis zu unserer heutigen Umwelt zu reflektieren. Indem sie die Naturelemente durch vom Menschen geschaffene billige Konsumprodukte aus Plastik ersetzt, zeigt sie, dass die Natur durch die postmoderne Kultur absorbiert und das Thema der Vergänglichkeit an sein Ende gekommen ist. Die Plastikgegenstände überleben nämlich unzählige Genera-tionen, schädigen die Umwelt und lassen sich nur bedingt wiederverwerten, weshalb sie im Zeitalter des Postulats der ökologischen Nachhaltigkeit als zunehmend problematisch wahr-genommen werden. Senge trägt dem Gedanken der Nachhaltigkeit nun auf künstlerische Weise Rechnung, indem sie die unverwüstlichen, billigen Plastikprodukte der postmodernen Konsumkultur in ihren kunstvollen Arrangements ästhetisch aufwertet und ihnen damit eine Wertschätzung zukommen lässt, die ihnen als Wegwerfartikel fehlt und ihr nachhaltiges Weiterleben im der Sphäre der Kunst garantiert. Sie verwendet Ikebana als Wertschätzungs-strategie im Umgang mit den alltäglichen, billigen Konsumartikeln, um das Bewusstsein für den Wert auch scheinbar unbedeutender Konsumartikel zu schärfen, deren Überangebot den Verbraucher im Alltag oft überfordert. Mit der alten, hoch angesehenen Kulturtechnik Ikebana adelt sie die billigen Wegwerfartikel jedoch nicht nur, sondern regt ein Nachdenken über den Kreislauf von Produktion, Konsumption und Entsorgung von billigen Konsumarti-keln im 21. Jahrhundert an. Der Betrachter ihrer Kunst soll zu einem starken Konsumenten werden, der wie ein Ikebana-Schüler in der Lage ist, die noch so kleinen Dinge wertzu-schätzen und bewusst auszuwählen.

Ike-100-Yen-Shop-Objekte (Schaukästen)

Die in Schaukästen präsentierten Ike-100-Yen-Shop-Objekte sind in der Technik des Mori-bana hergestellt. Wörtlich heißt Moribana „aufgehäufte Blumen“ oder „Busch“ und meint das Arrangement von Blumen in einer flachen Schale dergestalt, dass die Spitzen der drei Hauptelemente Shin, Soe und Tai ein schräg im Raum stehendes Dreieck bilden. Die Titel der Kästen beziehen sich jeweils auf einen der in ihnen präsentierten Konsumartikel. „Kutsubera“ z.B. heißt Schuhlöffel, „Toyu-ponpu“ Ölpumpe und „Seidenki-hataki“ Elektrizi-tätsfeld. Ausgestellt in Kästen an der Wand ähneln diese Ikebana-Objekte Wandschreinen, die seit jeher zur Aufbewahrung und Präsentation von Kultgegenständen verwendet wurden. So changiert der Kasten zwischen einer profanen und einer sakralen Präsentationsform, die ebenfalls der Wertschätzung und dem würdevoll-achtsamen Umgang mit den Billigprodukten der Konsumwelt dient und gleichzeitig ein in der modernen Bildhauerei zentrales Problem löst, die Präsentation von Objekten auf Sockeln. Denn im Unterschied zum Sockel, der als dreidimensionales Objekt ästhetisch gesehen immer auch als Teil der Skulptur wahrgenom-men werden kann und somit einen künstlerischen Wert erhält, den er in seiner rein prakti-schen Funktion als Träger per se nicht hat, unterstreicht die Funktion des Schaukastens als schreinartige Behausung der Ike-100-Yen-Shop-Objekte deren künstlerisch intendierte ideelle Wertschätzung.